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Die Gaza-Flotille treibt Israel in ein Meer der Dummheit

 

Gideon Levy, Haaretz, 30.5.10                              

 

Die israelische Propagandamaschine  hat  neue  Höhepunkte ihrer hoffnungslosen Raserei erreicht. Sie hat Menus aus den Gaza-Restaurants mit Falschinformationen ausgeteilt. Sie  beschämt sich selbst, indem sie  sich an sinnlosen PR-Schlachten beteiligt, mit denen man besser nie angefangen hätte. Sie will die unwirksame, illegale und unethische Belagerung des Gazastreifens aufrecht erhalten und  die „Friedensflotille“ an der Gazaküste nicht andocken lassen. Da gibt es nichts zu erklären, gewiss nicht einer Welt, die nie das Gespinst von Erklärungen, Lügen und Taktiken abkaufen wird.

Nur in Israel akzeptieren  Leute noch diese beschmutzten Ware . Das erinnert an Rituale aus alten Zeiten, als man im Chor Hurra schrie, ohne Fragen zu stellen. Weiß uniformierte Soldaten machten sich in unserm Namen fertig. Sprecher gaben ihre verlogenen Erklärungen in unserm Namen ab. Die groteske Szene geht auf unsere Kosten. Und tatsächlich keiner von uns stört diese Vorstellung.

Der Chor hat Lieder der Unwahrheit und Lügen gesungen. Wir sagen alle im Chor, es gäbe keine humanitäre Krise im Gazastreifen. Wir sind alle Teil des Chores, der behauptet, die Besatzung des Gazastreifens habe aufgehört, und die Flotille sei ein gewalttätiger Akt gegen Israels Souveränität – der Zement sei zum Bau von Bunkern und der Konvoi sei von der muslimischen Bruderschaft finanziert worden. Die israelische Belagerung wird die Hamas stürzen und Gilad Shalit befreien. Der Sprecher des Außenministeriums  Yossi Levy, einer der lächerlichsten Propagandisten, übertraf  sich selbst, als er - ohne mit der Wimper zu zucken -  behauptete, dass der Hilfskonvoi, der nach Gaza segelt, eine Verletzung des Völkerrechts sei. Genau das.

 

Nicht die Belagerung ist illegal, sondern die Flotille. Es reichte nicht, Menüs in Gaza-Restaurants durch das Büro des Ministerpräsidenten  zu verteilen (einschließlich  des sehr empfohlenen Stroganoff-Beefsteaks und  der Spinatkremsuppe)  und  mit den Mengen von Brennstoff  anzugeben, die nach dem israelischen Armeesprecher nach Gaza geliefert werden. Die Propaganda-Operation versuchte, uns und der Welt die Idee zu verkaufen, dass die Besatzung des Gazastreifens vorüber sei, aber auf jeden Fall hat Israel das Recht, humanitäre Hilfe auszusperren. Das sind alles Lügen.

 

Nur eine Stimme verdarb die illusorische Feier ein wenig: ein Bericht von Amnesty International über die Situation im Gazastreifen. Vier von fünf Gazabewohnern benötigen humanitären Beistand. Hunderte warten  sehnlichst darauf, für eine medizinische Behandlung, aus dem Gazastreifen ausreisen zu dürfen, 28 sind  deshalb schon gestorben ( meiner Meinung nach ist diese Zahl viel höher ER).Und dies geschieht alles, obwohl der Militärsprecher behauptet, es gäbe keine Belagerung aber viel Hilfe. Aber wer kümmert sich schon darum?

 

Und die Vorbereitungen für die Operation  erinnern an eine  besonders amüsante Farce: die fieberhafte Debatte  im Septett der Minister;  der Einsatz der Masada-Einheit, die Gefängnis-Kommandoeinheit, die sich auf den Überfall in Gefängniszellen spezialisiert: Marinekommandokämpfer mit Unterstützung  der Sonderpolizei-Antiterror-Einheit und die Oketz-Hundeeinheit der Armee; eine spezielle Hafteinrichtung wurde am Hafen Ashdod errichtet; und das Elektronik-Schild, das dafür bestimmt ist, dass keine drahtlosen Berichte während der Gefangennahme der Schiffe und der Verhaftung derer an Bord in die Medien gelangen können.

Und all dies geschieht angesichts von wem ? Von ein paar hundert  internationalen Aktivisten, meistens Leute mit Gewissen, deren Ruf die israelische Propaganda zu beschmutzen versucht. Es sind meistens Leute, die sich um ihre Mitmenschen kümmern, was ihr Recht und ihre Verpflichtung ist, selbst wenn die Belagerung uns überhaupt nicht betrifft. Ja, diese Flotte ist tatsächlich eine politische Provokation, und was ist ein Protest, wenn nicht eine politische Provokation?

Und ihnen auf dem Meer zu begegnen, ist wie einem israelischen Schiff von Idioten begegnen, das nicht weiß, wo und warum es unterwegs ist. Warum Leute verhaften? Warum eine Belagerung?  Nun, so ist es . Es ist wie die Chomsky-Affäre  - eben noch einmal, aber diesmal  eine wirklich tolle Sache. Natürlich wird die Flotte keinen Frieden bringen, und  es wird ihr nicht gelingen, die Küste des Gazastreifens zu erreichen. Der Aktionsplan schließt ein Abschleppen der Schiffe in den Ashdodhafen mit ein  - und wird uns so noch einmal an die Küsten der Blödheit und  der Missetaten bringen. Noch einmal werden wir nicht nur als die dargestellt, die Hilfe blockieren, sondern auch als Idioten, die alles tun, um das eigene Ansehen zu untergraben. Wenn dies eines der Ziele der Organisatoren der Friedensflotte gewesen war, dann haben sie dieses Ziel großartig erreicht.

 

Vor fünf Jahren bemerkte der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Ljosa, der ein Jerusalempreisträger ist, nach seinem Besuch in Israel, die israelische Besatzung nähert sich einer grotesken Phase. Vargas Llosa, der sich als Freund Israels betrachtet, war übers Wochenende  noch einmal hier und sah, dass diese Phase wieder neue Höhepunkte der Absurdität erreicht hat.

 

(dt. Ellen Rohlfs)