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Israel ist das naivste und rassistischste Land im Westen

Die Migranten sind weniger eine Gefahr, als die Leute denken

 

Gideon Levy, Haaretz, 31. Mai 2012

 

 

Israel ist  beides: das naivste und rassistischste Land im Westen, weil in keinem anderen Land die Politiker Bemerkungen über Migranten machen, wie sie es hier tun – und trotzdem am nächsten Tag in ihrem Amt bleiben. Naiv, weil Israel erst jetzt das Problem entdeckt hat, mit dem die „erste Welt“ seit Jahren zu tun hat. Nur in Israel kann ein Parlamentarier der herrschenden Partei die Migranten als „Krebsgeschwür“ bezeichnen und was noch schlimmer ist, es ist nur in Israel, dass man das tun kann und weiß, dass sein verachtenswerter Rassismus nur seine Unterstützung findet.

 

Nur Israel hat keine Migrationspolitik, nur in Israel sind Migranten offiziell als „Infiltranten“ bekannt. Nur in Israel hetzt die Regierung die schwächeren Klassen gegen sie auf, und wenn Gewalt ausbricht, macht der Ministerpräsident die Bemerkung, „ es gibt hier keinen Platz für sie.“ Tatsächlich aber gibt es Raum für Gewalt gegen die Migranten: Was dachten wir denn? Wenn sie als Krebsgeschwür beschrieben werden und wegen ihrer Krankheiten, Drohungen und Gefahren alarmiert wurde, da soll kein Ausbruch von Gewalttätigkeit gegen sie aufkommen?

Nach all der Einschüchterung und Hetze sollte keine Angst und Gewalt in den armen Stadtvierteln entstehen?

 

Die Bewohner der Stadtteile sind in Panikstimmung, weil es da jemanden gibt, der ihnen Angst macht. Sie zeigen Hass, weil jemand in ihre Herzen Hass gegen Ausländer gesät hat und besonders gegen Schwarze. Dabei sind die Schwarzen  weniger gefährlich als den Bewohnern gesagt wurde, aber es ist zu spät, da die Saat des Hasses schon sprießt.

 

Die Regierung führt eine Angstkampagne durch, wie sie schon andere Angstkampagnen durchführte, weil dies der Weg ist, wie man die öffentliche Aufmerksamkeit und den Zorn von ihren Misserfolgen ablenkt. Auf diese Weise nimmt sie einen schlimmen alten Weg dunkler Regime an, indem gegen Ausländer gehetzt und die Leute durch Einbildung und übertriebene Gefahren aufgeschreckt werden, und sie selbst sich der Verantwortung entziehen kann. Genau wie mit andern schicksalhaften Problemen, so ist es mit  dem Problem der Immigration. Die Regierungspolitik ist eine Nicht-Politik – es ist ein Fall, bei dem man den Kopf in den Sand steckt und dann hysterisch schreit, wenn  einem alles ins Gesicht explodiert.

 

Nachdem Israel dieses Massenexperiment mit Menschen ausgeführt hat und ihnen erlaubt, hier zu bleiben, aber nicht arbeiten zu dürfen  - und in keiner Hinsicht sich um ihre grundsätzlichen Rechte gekümmert hat, gibt es vor, von einigen kriminellen Akten überrascht zu sein. Wenn man sich mit Immigranten  befasst, fallen alle Masken ab. Rassismus ist die neue  politische Korrektheit in Israel geworden.

 

Etwa 1 Million Russen kamen hierher, von denen etwa die Hälfte keine Juden sind – und Israel wusste, wie man sie absorbiert. Sie sind weiß. Zehntausende Afrikaner kamen her – und sie sind der neue Feind. Sie sind schwarz.

Doch in dieser neuen Welt kann sich Israel nicht länger heraushalten. Es muss sich daran beteiligen, Immigranten und Flüchtlinge aufzunehmen, selbst dann , wenn sie ohne Erlaubnis ins Land kommen. Millionen von Immigranten überfluten unzählige Länder und diese wissen, wie man mit ihnen umgeht. Zehntausende von Juden „infiltrierten“ Länder als Zuflucht während der Jahre der Dunkelheit ; 1948 fluteten palästinensische Flüchtlinge in die umgebenden Länder und seit dem hat diese Flut kein Ende gefunden. Jordanien ist nicht nur überflutet  mit palästinensischen Flüchtlingen, sondern auch mit irakischen und syrischen Flüchtlingen von heute, auch die Türkei hat Tausende von syrischen Flüchtlingen aufgenommen. Frankreichs Bevölkerung wird immer schwärzer und Englands Bevölkerung wird immer  moslemischer. Dies ist der raue Weg der Welt und Israel ist ein Teil davon.

 

Die Aufhetzung gegen die Migranten ignoriert nicht nur die jüdische Geschichte sondern auch die globale Realität, sie ignoriert auch die Realität der Zukunft.  Und was wird geschehen, wenn eines Tages – um Himmels Willen -  die Angstkampagnen der Regierung wahr werden sollten, und Israel einer existentiellen Bedrohung ausgesetzt ist und Zehntausende Israelis versuchen, von hier weg zu kommen. Was sollen wir dann der Welt sagen, wenn sie alle ihre Türen für Israelis schließt, so wie jetzt die Türen für Afrikaner geschlossen werden, von denen viele um ihr Leben gerannt sind. Wie lange wird man die perverse Behauptung aufrecht erhalten, dass „die israelische Situation anders ist“.  Keiner glaubt, dass Israel seine Türen für alle öffnen muss, die an sie klopfen. Kein Land hat solch eine Verpflichtung. Der Zustrom von Flüchtlingen hier muss geregelt werden; die Migranten , die hier schon angekommen sind, müssen  je nach ihrem Leid  und den Gefahren, denen sie bei ihrer Rückkehr in ihr Heimatland ausgesetzt wären,  in Gruppen eingeteilt werden. Um diejenigen, die das Recht haben, zu bleiben, muss man sich kümmern – nicht mit Gewalt und mit Hass, was kein Problem lösen hilft. Man muss ihnen die Möglichkeit geben , ein anständiges Leben zu führen. Inzwischen sind die Migranten viel weniger eine Gefahr als die Leute denken. Die wirkliche Gefahr  liegt in der Art und Weise, wie sie behandelt werden.

 

(dt. Ellen Rohlfs)