Israel Palästina Nahost Konflikt

Israel Palästina Nahost Konflikt Infos

Baron der Manipulation

 

Gideon Levy, 31.10.10  Haaretz

 

 

Gideon Levys Interview in The Independent folgte ein bissiger Angriff von Seiten des rechten Flügels, vom  Kolumnisten Ben Dror Yemini. Hier ist Levys Antwort:

 

Arcos wurde sehr alt. Er war ein Armeehund. Auf seine Beerdigung ging  man auf der 1. Seite in Yedioth und Maariv sogar mit Fotos ein. Soldaten umarmten sich über diesem frischen Grab. In den Tagen nach dieser Trauerfeier wie für jemanden Ranghohen wurden sechs unbewaffnete unschuldige palästinensische Zivilisten – zwei davon Kinder -  in den besetzten Gebieten getötet. Nur über einen der Toten gab es in diesen Boulevardblättern  auf einer der hinteren Seiten eine  kurze Notiz – über die anderen wurde geschwiegen.

 

In einem weit verbreiteten Interview in der britischen  Zeitung The Independent vor ein paar Wochen benützte ich als Beispiel der Medienberichterstattung den Tod eines israelischen Hundes im Vergleich zum  Tod von Palästinensern während der Operation Cast Lead, um die Entmenschlichung der Palästinenser  in den israelischen Medien aufzuzeigen. Arcos starb drei Jahre vor der 2008/09-Gaza-Kampagne, aber der Prozess der Entmenschlichung der Palästinenser macht es für die Israelis einfacher,  mit der Besatzung fortzufahren und sich dabei wohl zu fühlen, ohne moralische Zweifel zu haben, was genau während dieser Operation ihren schrecklichen Höhepunkt hatte.

 

Ein anderer Hund, der während dieser Operation durch eine Qassamrakete getötet wurde, erhielt  größere Medienaufmerksamkeit als die Dutzenden am selben Tag getöteter Palästinenser. Yedioth Ahronot und Maariv veröffentlichte auf ihren hinteren Seiten eine gehäufte Leichenzählung: 300 Tote im Laufe von  zwei Tagen auf S. 13; ein paar Tage später 384 Tote auf S. 11;  Der Tod einer Frau und ihrer vier jungen Kinder auf S. 14; das Töten von fünf Schwestern  ganz unten auf S. 6;  der Tod eines Arztes und zwei Samitätern brachte die Gesamtsumme der pal. Todesfälle auf 395  plus 1000 Verletzten auf S. 19.  Ein späterer Artikel berichtet vom Tod von 512 Palästinensern fast als Nebensächlichkeit.

Alle diese Berichte kamen nach zahlreichen Artikeln über Verschiebungen von Bar Mitzwa-Parties in Sderot, Flitterwochen, die trotz Krieg weitergingen, Pizzaverteilung an die IDF-Soldaten und Volkstanz in einem Bomberbunker im Kibbuz Yad Mordechai. Jeder Journalist, der noch etwas Selbstrespekt hat, muss sich gegen solche verdrehte Berichterstattung wehren, deren einziges Ziel es ist, den Wert des palästinensischen Lebens zu verringern, und dass man   unsere Aktionen leichter verkraften kann.

 

Sollte sich ein israelischer Journalist  verletzt  oder sich  jemand  hier angegriffen fühlen, weil er seine Meinung äußerte, dann sollte Ben Dror Yeminis Meinung vom letzten Freitag in Maariv gelesen werden. Er endete damit: An dem Tag, an dem Gideon Levy zum Schweigen gebracht wird, wird Israel das Monster werden, das Gideon Levys fiebriges Hirn geschaffen hat. Man sollte ihm  dieses Vergnügen nicht gönnen. Wir sollten uns nicht in dieser Weise bestrafen.“  Erinnern wir uns an diese Worte eines israelischen Journalisten.

 

Während ich zu meinem üblichen Kaffee Mohnkuchen esse, fällt mein Auge auf die erste Seite von Maariv: „ Der Baron der Lügenindustrie“ auf einer Doppelseite der politischen Abteilung. Lassen wir zunächst die Lügen beiseite, „Baron und Industrieller“? Die entschiedenste Antwort, falls dieser Blödsinn eine Antwort erfordert, ist das Interview in The Independent, der Vorwand für Ben Yeminis niederträchtige, gefährliche Hetze.

 

„Ich möchte gerne stolz auf mein Land sein,“ werde ich dort zitiert. „Ich bin ein israelischer Patriot. Ich möchte, dass wir das Richtige tun … Ich werde es nie verlassen. Hier ist mein Platz auf Erden. Ich werde nur gehen, wenn ich gezwungen werde zu gehen“ … Dies wiederhole ich immer wieder – das wurde aber von Yemini nicht erwähnt, um sein Argument nicht zu ruinieren. Er zählt meine „neun Lügen“ auf. Es ist meine Pflicht darauf zu antworten…..

 

Dies sind „meine  neun Lügen“

1.Ich sagte, mein größter Kampf ist es, die Palästinenser in israelischen Augen wieder zu Menschen zu machen. Yemini sagt, die Palästinenser hassen. Das ist möglich, aber ich hatte nicht den Eindruck. Entmenschlichung ist schlimmer als  Hass. Und bei jedem Vorfall konnte keiner  unsere Dehumanisierung-Kampagne gegen die Palästinenser widerlegen. Yemini versuchte es nicht einmal. …

2. Als ich mich an die schreckliche Erfahrung erinnere, als IDF-Soldaten unser Taxi beschossen, in dem ich und mein Photograph saßen, sagte ich, die Soldaten sind schnell mit dem Schießen, denn sie tun es täglich. Tatsächlich schossen die Soldaten in dem schrecklichen Jahr 2003 routinemäßig. Nur dank der kugelsicheren Windschutzscheibe geschah uns nichts. Kein ranghoher Offizier kümmerte sich darum und hat die Soldaten zur rede gestellt….

3. Der Hund: Ups. Hier hatte ich mich mit dem Datum der Veröffentlichung auf der vordersten Seite versehen…

4. Yemini zitierte mich: „Israel zielt häufig auf Sanitäter und UN-Schulen“( während der Operation Cast Lead) Hier ist ein Bericht aus Yeminis Zeitung vom 7. Januar 2009, diesmal auf der Vorderseite: Beim Beschuss der UNRWA-Schule wurden 42 getötet“ Nie war bewiesen worden, dass Terroristen sich in dem Gebäude befanden. UNRWA  leugnete hartnäckig die Behauptung. Genau so war niemals bewiesen worden, dass Terroristen sich unter dem Al-Shifa Krankenhaus in Gazastadt versteckten, wie Yemini behauptete. Nach Zahlen der UN hat die IDF bei ihrer Gazaoperation 15 Krankenhäuser und 43 Kliniken getroffen; 18 Schulen wurden vollkommen zerstört und 280 wurden beschädigt.  50 UN-Einrichtungen wurden beschädigt, 16 Personen des medizinische Personals, einschließlich Ärzten wurden getötet und 25 verletzt. 12 Ambulanzwagen beschädigt. Diese Zahlen sollten jeden Israeli geschockt haben, sogar Yemini.

5. „Wäre es nicht wegen der Qassams, keiner würde sich um die Palästinenser kümmern – und diese Qassams werden nur nach IDF Mordoperationen abgefeuert.“  Dies ist meine Meinung: ohne Qassams würde der Gazastreifen von der Welt und von Israel vergessen werden. Die augenblickliche Situation beweist dies. Wer erinnert sich noch an die Strafoperation von Gaza? Aber in dem Interview sagte ich noch anderes: Ich verurteile das Abschießen von Raketen auf israelische Zivilisten“  - aber dies hat „Baron Wahrheitsindustrie“ seinen Lesern verheimlicht …

6 „Israel beklagt sich, dass die Hamas sich zwischen der zivilen Bevölkerung verbirgt – aber das (isr.) Verteidigungsministerium  liegt auch mitten in Tel Aviv“ Ist das falsch? Eine Lüge? Wo ist denn der IDF-Generalstab? Hamas kann nirgendwo hingehen,  ohne Bevölkerungskonzentration um sich zu haben.  Hätte sich Yemini einmal die Mühe gemacht, in den letzten Jahren  in den Gazastreifen zu gehen, dann würde er dies verstehen..

 

7. „Israel  führt weiter ethnische Säuberung durch – wo immer es nur möglich ist“ . Ja, meiner Meinung nach ist es das, was wir im Jordangraben mit den Hirten machen und mit den Beduinen, die  nördlich von Beer Sheva leben, genau dies. Was wir 1948 taten, wird von den bedeutendsten Historikern der Welt kaum diskutiert.  Und wie sollte man das nennen, dass es zwischen Jaffa und Gaza  keine Araber mehr gibt?

8. Meine Meinung zum Friedensprozess und zu Israels Absichten, die Besatzung zu beenden, hat sich nicht verändert – trotz Yeminis Schelte. Natürlich keine Lügen.

9. „Die Besatzung ist die Entschuldigung für Terror an vielen Orten rund um die Welt.“ „ Die Besatzung ist die beste Entschuldigung für viele weltweite Terrororganisationen. Warum gibt man ihnen diesen Vorwand?“ Ist das auch eine Lüge?

 

Wenn einem die Argumente ausgehen, beginnt die Hetze; wenn man nicht weiß, wie  man mit Meinungen und Ansichten umgehen solle, nennt man sie Lügen. Wenn man  jene mit anderen Positionen abwürgen will, nennt man sie „Baron“ und „Industrie“ (??). Wenn die antikritische Atmosphäre verrückt spielt, dann sieht der McCarthyismus wie eine  aufgeklärte Bewegung aus … Und wenn man Kritiker zum Schweigen bringen will, fabriziert man Anklagen.

Yemini hat sich vorgenommen, gegen die Industriewelt der Lügen gegen Israel anzukämpfen…. Es gibt nur ein kleines Problem: selbst dieser Krieg muss sich auf Wahrheit gründen, etwas, was er und seinesgleichen für überflüssig halten.

Und trotz allem, an jenem Tag, an dem Yemini  zum Schweigen gebracht wird ..werden kritische Journalisten und die Linke das Monster werden, das Ben Dror Yemini in seinem fiebrigen Hirn schafft. Dieses Vergnügen sollte ihm nicht vergönnt werden und wir haben diese Strafe nicht verdient. …

 

(dt. und etwas gekürzt: Ellen Rohlfs)