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Marionettentheater

 

Gideon Levy, Haaretz, 29.8.10

http://haaretz.com/print-edition/opinion/puppet-theater-1.310770

 

In den nächsten Wochen werden wir es wissen:  gibt es in Israel ein echtes Theater oder ist es nur ein Marionettentheater? Sind unsere Theaterkünstler wirkliche Schauspieler, Stückeschreiber und Direktoren oder sind sie Marionetten? Das israelische Theater stellt „moralische Blindheit“ dar – ein Spiel mit unendlich vielen Akten.

Die Entscheidung unseres Theater-Establishments, Dramen  im neuen Kulturzentrum in der Siedlung Ariel aufzuführen, stellt die Öffentlichkeit vor einen wirklichen Test, wie sie ihn wahrscheinlich bis jetzt noch nie gesehen hat. Die Herausforderung, der unsere Theaterwelt gegenübersteht hat sehr große Bedeutung. Die Entscheidung der nächsten Wochen  wird unsere ganze Theaterwelt umgestalten. Nach Theaterjahren, die umsichtig kommerzielle Dramen neben wenigen mutigen politischen Stücken brachte, die ernste moralische Fragen stellten, stehen unsere Schauspieler nun vor dem Drama ihres Lebens.

 

Es geht tatsächlich nicht um ein Spiel, sondern um das Leben selbst. Sollten sie ihre Produktionen in Ariel aufführen, werden wir wissen, dass die Schauspieler dort nur Rezitationsautomaten sind, und ihr ganzes Theaterunternehmen wird ein lebendiges Gefängnis sein. Sollten Israels Schauspieler und Theaterdirektoren und Stückeschreiber sich entscheiden, sich am entsetzlichsten Drama zu beteiligen, werden sie am Ende ihrer Aufführung Hohn und Spott ernten, wie sie es noch nie gehört haben.

Das Drama in Ariel wird die schlechteste Theateraufführung sein, die hier je aufgeführt wurde. Keiner braucht das Urteil des Theaterkritikers, um diese Schlussfolgerung zu  ziehen.

Wenn Berthold Brecht erleben würde, dass das Cameri-Theater als  eines der ersten  Stücke den „Kaukasischen Kreidekreis“ in Ariels  Halle der Schande spielt, dann würde er sich im Grabe umdrehen.

Von der Grünen Linie ist nicht viel übrig geblieben. Zu einer Zeit als das Tate Modern (?) in London das eindrucksvolle Werk von Francis Alys darstellt, einem Künstler, der mit einem Eimer Farbe ging, um die Grüne Linie neu zu übermalen, tut Israel sein Äußerstes, um sie zu verwischen. Jetzt ist das Theater wegen dieser Kampagne der Vernebelung und Dunkelheit mobilisiert. Doch gibt es einen Unterschied zwischen dem legitimen, souveränen Israel und den Gebieten seiner Besatzung. Es gibt einen moralischen Unterschied , ob man hier oder dort erscheint, mitten in einer illegalen Siedlung ( illegal wie alle Siedlungen und Außenposten) , die auf gestohlenem Land gebaut wurden, bei einer Vorstellung, die dafür bestimmt ist, den Siedlern zu helfen, die Zeit angenehm zu verbringen, während rund um die Siedlungen die Menschen all ihrer Rechte beraubt sind.

 

Ist es wirklich nötig, all dies zu erwähnen, besonders gegenüber Künstlern. Es scheint so.

Die Theatermanager beeilen sich, der Schuld zu entkommen. „Siedler verdienen auch Kultur,“ sagte Zipi Pines, Direktorin von Beit Lessin  in mitleiderregender Sinnlosigkeit.

Andere reden über  staatliche Budgetzuteilungen, von denen ihr Theater abhängt. Kann man denn mit Geld alles kaufen?

 

Das ist die Frage. Es ist eine Frage, die  allen unseren neuen  Faustianern gestellt werden müsste. Liefert die staatliche Finanzierung eine  Berechtigung für jede theatralische  Abscheulichkeit?  Natürlich, der Siedlervorstand, der Yesha-Rat, bestimmte schnell die neuen Kunden des Ariel-Theaters, die besten  Söhne  des Staates, die den Staat verteidigen, während die Schauspieler ihre  Werke aufführen.“ Die besten Söhne des Staates? Die Verteidiger des Staates? Sie sind unsere schlimmsten Söhne, sie gefährden die Zukunft des Staates, mehr als jede andere Gruppe der Gesellschaft. .

Theater ist keine Armee, Schauspieler sind keine Soldaten, und  Künstler, die  Vorstellungen boykottieren, sind keine Drückeberger. Die paar Dutzend Theaterleute, die das Statement unterzeichneten, dass sie Ariel boykottieren wollen, sind Leute mit Gewissen, die Lob verdienen. Sollten sich noch mehr melden, dann wird die Vorstellung  in Ariel nicht zustande kommen. Es ist nicht einfach, gegen den zu rebellieren, dem man sein Brot zu verdanken hat; es ist nicht einfach , am eigenen Arbeitsplatz nicht zu gehorchen.

Aber dies ist ein echter Test. Nachdem das Habima und Carmel-Theater in Ariel Vorstellungen gab, sollten sie nicht überrascht sein, wenn Theater rund um die Welt ihnen die Tore verschließen. Im Gegensatz zu Theatermanagements hier, kann die Welt zwischen Israel und Ariel unterscheiden. Die Welt weiß, dass ein Boykott nur eine Waffe ist im Kampf gegen unmoralisches Theater. Deshalb muss, bevor der Vorhang sich in Ariel erhebt,  ein Aufruf zu Israels Künstlern gehen: gebt  diesem Theater des Absurden keine Hand. Seid Schauspieler (und wirkliche Menschen) und keine Marionetten.

 

(dt. Ellen Rohlfs)