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Die israelischen Juden sollten den Nakba-Tag auch beachten

 

Gideon Levy, Haaretz, 15. Mai 2011

 

 

Wäre Israel in diesem Fall von seiner Rechtschaffenheit  etwas mehr überzeugt und wäre seine Regierung offener, dann würden alle Schulen in Israel – die jüdischen wie die arabischen – heute an den Nakba-Tag denken. Ein paar Tage nach den Feierlichkeiten unseres eigenen Unabhängigkeitstages, an dem wir die Tapferkeit und Errungenschaften loben, auf die wir stolz sind, könnten wir eine Stunde Staatsbürgerkunde anbieten. Es würde ein Lektion über ein anderes Erbe sein, das die Geschichte der anderen Seite einschließt, die geleugnet und unterdrückt wird. Kein einziges Haar würde uns vom Kopfe fallen, würden wir dies heute tun. 63 Jahre später, nun wo das Land aufgebaut ist und blüht, können wir damit beginnen, die ganze Wahrheit zu sagen, nicht nur den heroischen und günstigen Teil der Geschichte.

 

An diesem Tage würde es möglich sein, unsern Schülern zu sagen, dass neben uns ein Volk lebt, für das unser Tag der Freude ihr Tag ein Tag der Katastrophe sei, für die wir und sie die Schuld tragen. Wir könnten den Schülern Israels sagen, dass im 48er-Krieg wie in jedem Krieg schlimme Dinge, ja Kriegsverbrechen geschehen. Wir könnten ihnen über die Vertreibungen und Massaker berichten. Ja, es gab Massaker: man muss nur die Veteranen des Krieges fragen, wie die Städte „gesäubert“ wurden und  nach den Dörfern, die zerstört worden sind und den Tausenden von Bewohnern, denen versprochen wurde, nach wenigen Tagen zurückkehren zu dürfen – ein Versprechen, das nie eingehalten wurde – und über die „Infiltranten“ , die versuchten, zu ihren Häusern und ihrem Besitz zurückzukehren, und die von der IDF getötet oder vertrieben wurden.

Es ist nicht nur möglich, den israelischen Palästinensern zu erlauben, ihres besonderen Tages zu gedenken und ihres nationalen und persönlichen Schmerzes – etwas, das selbstverständlich sein sollte. Es sollte auch uns Juden die andere Geschichte lehren .

Es ist möglich, alles, was Israel während des Unabhängigkeits-Krieges tat, zu rechtfertigen und es ist möglich, schwierige Fragen zu stellen, aber als erstes ist es wichtig, alles zu wissen.

 

Man sollte wissen, dass es hier 418 ( über 500) Dörfer gab, die ausgelöscht wurden, und es sollte daran erinnert werden, dass mehr als 600 000 (750 000 ER) Einheimische dieses Landes flohen oder vertrieben wurden und nicht zurückkehren durften und dass bis heute die meisten von ihnen und ihre Kinder unter schrecklichen Umständen leben und den Schlüssel ihrer verlorenen Wohnungen bei sich tragen. Es ist möglich und notwendig, dass unsere Schüler erfahren, dass die großartige Gründung Israels auch eine dunkle Seite hat. Dies muss gelehrt werden, damit wir unsere Geschichte kennen und dass wir die Wünsche der Palästinenser verstehen, auch wenn nicht die Absicht besteht, sie zu realisieren. Wir können dies „lerne deinen Feind kennen“ nennen – aber wir müssen das wissen.

Wir müssen wissen, dass unter fast jedem Stückchen Wald des Jüdischen National Fond (JNF) Ruinen liegen, die Israel verschwinden ließ, um sicher zu sein, dass sie nicht als Beweis für ein anderes Erbe dienen. Wir können wissen, dass unter unserem prächtigen Kanada Wald die Ruinen von drei Dörfern ruhen, die Israel nach  dem 6-Tage-Krieg völlig zerstört hat. Die Bewohner wurden mit einem Bus weggefahren. Wir können jetzt unsern Blick auf Ruinen wenden, die noch an den Straßenrändern stehen, und uns daran erinnern, dass es hier einmal Leben gab. Wir könnten hier im Land der vielen Denkmäler sogar Gedenkstätten  an die nicht mehr vorhandenen Dörfer errichten. Wir könnten uns auch fragen, wie kommt es , dass zwischen Jaffa und Gaza kein einziges Dorf  besteht.

 

Wir müssten auch fragen, warum mitten im Moschav Zechariya die Moschee mit einem Zaun umgeben ist mit einem Schild :“Vorsicht Einsturzgefahr!“ Wir können auch fragen, wo die Bewohner von Zechariya, auf dessen Ruinen der Moschav steht, heute leben (Antwort: im armen Deheishe-Flüchtlingslager bei Bethlehem)

 

Dies stellt keinen Vertrauensbruch dar. Es ist kein Verrat am zionistischen Ideal: es ist historische und intellektuelle Redlichkeit, vielleicht mutig, aber sicher etwas, dass die Umstände jetzt fordern.

Am Tag dieser Nakba ist es möglich, die ganze Wahrheit zu erzählen. Warum sollten wir sie verbergen? Und wenn uns dies verwirrt/beschämt, dann ist die Zeit gekommen, dass wir uns damit befassen. Erst an dem Tag, an dem die Schüler in Israel über die Nakba lernen, werden wir wissen, dass die Erde unter unsern Füßen  nicht mehr brennt und dass das zionistische Unternehmen vollendet worden ist.

 

(dt. Ellen Rohlfs)