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Eine Friedensnobelpreisträgerin im Gefängnis

 

Gideon Levy, 3.10.10 Haaretz,

 

 

Der Fotograf wurde neulich von den IDF-Propagandisten  geholt: Man sieht wie Mairead Corrigan-Maguire  vom entführten Rachel-Corrie-Schiff  im Hafen von Ashdod abgeführt wird und ihr, einer ehrenhaften Dame, dabei von einem Soldaten der moralischsten Armee geholfen wird, vom Schiff zu gehen. Es war nicht lange nach dem gewalttätigen  Überfall auf die Mavi Marmara. Und Israels Propagandisten beeilen sich, ihre billige Ware zu verkaufen, indem sie zeigen, wie Israel „wirkliche“ Friedensaktivisten behandeln – im Gegensatz zu den türkischen „Terroristen“ auf dem vorherigen Schiff.

Nur vier Monate sind seit dem früheren Vorfall  vergangen und genau dieselbe Dame verbrachte nun ein Wochenende in der Deportiertenzelle am Flughafen Ben-Gurion. Während wir  noch ein warmes, erfreuliches Wochenende haben, sitzt die Friedensnobelpreisträgerin in einem israelischen Gefängnis, und niemand scheint das zu kümmern. Wir schämen uns nicht, wir sind nicht wütend, wir  sind ganz still. Es ist ein Spektakel, wie es nur in Israel , Nord-korea, Burma und im Iran sich abspielen kann – der Staat, der  eine Friedensnobelpreis-trägerin ins Gefängnis bringen und deportieren kann. Das ruft nur ein gelangweiltes Gähnen hervor.

 

Ein Gericht hat  die Deportation schon als  eine charakteristisch automatische Aktion anerkannt, und der Oberste Gerichtshof wird  heute darüber debattieren.

Das neue Israel wird wieder einmal als  zurückhaltender, widerwärtiger Staat dargestellt mit einem Ableger der Gedankenpolizei am Ben-Gurion-Flughafen. Weltbekannte Intellektuelle wie Noam Chomsky und Norman Finkelstein, Spaniens bekanntester Clown Ivan Prado und nun Mairead Corrigan-Maguire werden  deportiert , nur weil sie wagen, das Land zu besuchen. Und all dies wird von öffentlicher pathologischer Gleichgültigkeit unterstützt.

Die irische Corrigan-Maguire ist das Opfer von Staatsterror. Als frühere Sekretärin der Guiness Brauerei in Belfast,  hatte sie drei Neffen, damals alle  drei Kinder, die  während einer britischen gezielten Mordaktion in Nordirland getötet wurden . Ihre Mutter, ihre Schwester, die einige Zeit später Selbstmord beging, war bei diesem Angriff auch schwer verletzt worden. Corrigan Maguire heiratete schließlich den Witwer ihrer Schwester und adoptierte seine Kinder. Diese schreckliche Familientragödie machte sie zu einer Friedensaktivistin, und sie begann, die Flagge des gewaltlosen Widerstandes zu hissen. Dafür erhielt sie  1976 den  Friedensnobelpreis.

In den letzten Jahren hat Corrigan-Maguire versucht, diese Flagge in Israel zu hissen, das eine Menge über Staatsterror, Morde und das Töten von Passanten weiß, das aber jetzt brutal seine Tore vor ihrer Nase zuschlägt.

Corrigan-Maguire demonstrierte in Bilin vor ein paar Monaten und nahm  an zwei Fahrten von Flotillen nach Gaza teil. Das ist ihre Sünde. Israel behauptet auch, Corrigan-Magire sei wild geworden, als Offizielle versuchten, sie in ein Flugzeug zu bringen. Man kann sich kaum vorstellen, wie solch eine sanfte Dame wild wird. Sie sagte selbst, sie habe nur versucht, passiv zu widerstehen, um die Petitionsprozedur, die ihr das Gesetz gewährt,  zu ende zu bringen.

Israel muss – wie Nord-Korea - etwas haben, um sein Besatzungsregime zu verbergen. Und deshalb hindert es Menschen mit Gewissen am Betreten des Landes, damit sie nicht nachher der Welt berichten können. Israel  hat – wie Nordkorea – Angst vor jedem, der versucht, gegen es zu protestieren oder sein Besatzungsregime zu kritisieren. Um der Sicherheit willen, wollen wir sie auch „Terroristen“ nennen, so wie wir fälschlicherweise auch die türkischen Aktivisten nannten. Das macht es für uns einfacher, sich mit ihnen zu beschäftigen. Ja, wir bevorzugen Terror, denn wir wissen, wie man mit ihm umgeht.

All jene, die heuchlerisch den Palästinensern gewaltfreien Widerstand predigen, sollten besser einen Blick in das Gefängnis für Deportierte am Ben-Gurion-Flughafen werfen. So werden gewaltlose Demonstranten behandelt. Eine Friedensaktivistin wird dort festgehalten, eine Frau mit Gewissen, der es erst dann erlaubt wurde, ihre persönlichen Dinge zurück zu erhalten, nachdem das Distriktgericht von Petach Tikva intervenierte. Sie wartet auf den Bescheid unserer Justiz, dem Obersten Gerichtshof, der – man kann es erraten – auch nicht wagt, gegen die Deportation zu sein.

Wenn das Gericht tatsächlich diesen skandalösen Akt heute aufrecht erhält – als Reaktion auf die Petition der Adalah-Organisation, dann werden wir nicht nur wissen, was aus uns geworden ist … sondern auch ,  dass unser Rechtssystem  ein Kollaborateur des Verrats geworden  und  bis an die Zähne verdorben ist.

Eine Nobelpreisgewinnerin sitzt in israelischer Haft, nur wenige Tage nachdem Israel ein weiteres  mit Hilfsgütern für Gaza bestimmtes Boot entführt hat, dessen Passagiere einen jüdischen Holocaustüberlebenden einschließen, einen israelischen Vater, der sein Kind durch Terror verloren hat, und einen Luftwaffenpiloten, der zum Wehrdienstverweigerer wurde. Es entführte das Boot, um zu verhindern, dass es sein Ziel erreicht und die Welt an die Blockade erinnert. Das ist das Israel von heute.

 

(dt. Ellen Rohlfs)