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Zwischen Frankreich und dem Malha-Einkaufszentrum

 

Gideon Levy, Haaretz, 25.3.12

 

Die Stimme am anderen Ende des Telefons klang sehr aufgeregt. Sein Besitzer rief spät in der Nacht an, um über das „Pogrom“zu sprechen, wie er es nannte, und das in Jerusalems Malha-Einkaufszentrum vor wenigen Tagen stattfand. Als früherer Chef einer der staatlichen Gesetzvollstreckungsagenturen war er besonders darüber empört, dass dieser Vorfall keine Medienaufmerksamkeit erhielt und dass keine Verhaftungen stattgefunden haben.

 

Am Freitag kam die volle, schreckliche Wahrheit des Vorfalls ans Licht. Oz Rosenberg berichtete in dieser Zeitung, dass am letzten Montagabend Hunderte Fans vom Jerusalemer Beitar-Fußballklub durch das Einkaufszentrum randalierten, rassistische Slogans brüllten, arabische Arbeiterinnen anspuckten und  Dutzende von arabischen Arbeitern mit ihren Fäusten, Füßen und Stöcken angriffen.

 

„Sie fingen einige von ihnen und schlugen  wie verrückt auf sie ein,“ zitierte Rosenberg einen Ladenbesitzer,“ sie schleuderten die Leute in die Läden und gegen die Schaufenster.

Der Direktor des Einkaufszentrum Gideon Avrahami sagte, er habe so etwas noch nicht gesehen so ein skandalöser, schockierender rassistischer Vorfall.“ Am Dienstag unternahm er den lobenswerten Schritt und rief zu einem Treffen aller arabischer Beschäftigten des Einkaufszentrum und entschuldigte sich bei ihnen. „wie konnte man so etwas ansehen und nichts tun?“ fragte einer.

Und tatsächlich tat keiner etwas. es gab Hunderte von Augenzeugen, Sicherheitskameras nahmen alles auf, die Polizei kam – und keiner wurde verhaftet, keiner machte sich die Mühe, die Medien zu informieren ( mit Ausnahme meines Informanten, der frühere Anwalt). Der Vorfall ereignete sich einige Stunden nach dem Massaker in der jüdischen Schule in Toulouse. Obwohl das, was in Frankreich geschah, noch gewalttätiger und schrecklicher war, gibt es eine direkte Linie zwischen dem und dem Randalieren in der Malha – beides sind rassistische Hassverbrechen. Diejenigen, die es versäumten, jetzt ihre Stimme wegen Malha zu erheben, werden ein Toulouse in Jerusalem erleben. Heute  sind es Stöcke, morgen Gewehre.

 

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was geschehen wäre, wären Hunderte von  jungen Leuten in das Einkaufszentrum  von Toulouse eingebrochen und hätten Juden dort zusammengeschlagen, die dort arbeiten. Israel und die jüdische Gemeinschaft hätten Zeter- Mordio geschrieen. Der Präsident der Republik wäre nach Toulouse geeilt, hätte sich mit Vertretern der jüdischen Gemeinschaft zusammengesetzt und hätte seinen Schreck und sein Bedauern ausgesprochen. Unser Ministerpräsident und Außenminister hätten einander überboten, beim Aussprechen ihres Schocks und Kolumnisten hätten über den Antisemitismus gewettert, der seinen hässlichen Kopf in Europa hochhebt. Jeder hätte darin übereingestimmt: Juden werden (wieder) zusammengeschlagen, nur weil sie Juden sind.

 

Es ist auch nicht schwer, sich vorzustellen, was passiert wäre, wenn Hunderte von Arabern das Jerusalemer Einkaufszentrum gestürmt  und jüdische Arbeiter zusammengeschlagen hätten. Dutzende von Randalierern wären verhaftet und verurteilt worden. Aber wenn es Beitar-Fans sind, wird alles vergeben  und alles übersehen. Keiner wurde verhaftet, fast keiner sagte etwas und selbst, als es bekannt gemacht wurde, hat sich  der Manager des Einkaufszentrum als einziger bei den Arbeitern entschuldigt, die nur deshalb geschlagen wurden, weil sie Araber sind.

Dies war natürlich kein  einmaliges Vorkommen. Das Beitar-Gefolge schlägt wieder zu. Es beginnt mit seinen rassistischen und ultra-nationalistischen Liedern, wird weiter schlagen und am Ende morden.  Einer der jungen Randalierer rühmte sich am folgenden Tag ( nach der Tochter meines Informanten), was er und seine Freunde am vorherigen Abend gemacht haben. Anscheinend ist eine anti-arabische Gewalt eine Quelle für Jubel und Hurrageschrei: Beitar hat schließlich ein Spiel gewonnen, also muss man irgendwie feiern. Man kann sich leicht vorstellen, was geschehen wäre, wenn sie verloren hätten.

All diese Mini-Pogrome müssen gestoppt werden, ihre Täter angeklagt werden. Längst hätte etwas  mit den Jerusalemer Beitar-Fans getan werden müssen, bis dahin, dass ihr rassistisches Team aufgelöst worden wäre. Aber das Problem ist viel größer als das Teddy-Stadion und Beitars lausige Saison. Die Tatsache, dass über  solch ein Hassverbrechen  in Israel kaum berichtet wird, ist viel ernster  als die Schläge im Einkaufszentrum. Die Polizei lässt es geschehen, Hunderte von Augenzeugen wenden sich ab. Keiner sah es, keiner hörte es – wer kümmert sich drum?

 

Zum selben Zeitpunkt als ein Terrorist gnadenlos Kinder in Toulouse mordete, rannten in Jerusalem Hunderte junger Leute Amok – sie töteten noch nicht, aber drohten es zu tun. „Tod den Juden“ wurde in Toulouse wahr, schrecklich – und es erschütterte die Welt. „Tod den Arabern“ in Malha ist bis jetzt glücklicherweise nur ein Slogan – aber wir sind es, die dies geschaffen haben, und es provoziert unter uns keine Aufregung, außer  für das Shopping vor Pessach, was am nächsten Tag im Einkaufszentrum stattfand, als wäre nichts geschehen.

 

(dt. Ellen Rohlfs)