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Das alte gute Israel ist schon abgeschafft

Zu einem Buch von Gershom Gorenberg

Von Rupert Neudeck 24.9.12

 

Die Strategie, die Psychologie der Besatzung vom israelischen Hoheitsgebiet fernzuhalten, gelang mit dem Stacheldraht dieser Barriere oder der Mauer nicht besser als mit der ausradierten Grünen Linie. Aus der Warte dieser Haltung sei das gesamte Gebiet vom Jordan bis zum Mittelmeer eine Kampfarena. In der kämpfen Araber und Juden um die Vorherrschaft. „Aus dieser Perspektive suind israelische Palästinenser keine Bürger zweiter Klasse; sie sind bestenfalls übrig gebleibene Einwohner des ersten Besatzungsrtings, schlimmstenfalls eine Fünfte Kolonne“.

Wer so spricht, kann nicht ein Deutscher sein oder ein Europäer. Richtig gemutmaßt. Das ist ein jüdischer Kritiker der bizarren Entwicklungen in einem Land, das sich noch immer sonnt in der Vorstellung, es sei das, wo die Menschen und Frauen und Bürgerrechte und die Demokratie so exemplarisch gut verwirklicht wären wie in keinem anderen der Region von Marokko bis Pakistan. Gershom Gorenberg ist ein orthodoxer Jude, das sind, wie wir aus Deutschland wissen, die besten und glaubwürdigsten Kritiker, weil sie die Menschenwerte und die Menschenwürde nicht auf einem säkularen Altar einfach – right or wrong my Israel – geopfert haben. In Deutschland haben wir den Rolf Verleger, dem auch jedes Überspitzen und jeder fanatische Zungenschlag fremd ist, der nur immer wieder darauf hinweist, dass Israel gute Beziehungen zu gleichberechtigten Nachbarn aufbauen muss.

Die Entwicklung, die Gorenberg zeichnet, geht in genau die gegenteilige Richtung. Die wichtigste Zielrichtung: Die Araber auszuschließen. Dazu hat man sogar einen Außenminister, den wir vor zwanzig oder dreißig Jahren niemals für das Israel vorausgesagt hätten, das wir damals ersehnten: Avigdor Liebermann. Ein reiner Rassist. Die arabischen Bürger Israels sollten in den zweiten Palästinenstaat deportiert werden, wenn es ihn denn mal geben sollte. 2006 hörte er plötzlich auf, so von „Zwangsumsiedlung“ zu reden, weil die Gefahr bestand, dass seine Partei Yisrael Beitenu (Unser Haus Israel) von den Wahlen wegen Rassismus ausgeschlossen würde. Heute aber leitet er das wichtige Außenamt und Westerwelle trifft sich mit ihm, obwohl er ein Rassist ist. Er will jetzt die Staatsbürgerschaft von einem Treueschwur auf Staat, Flagge und Nationalhymne abhängig machen. Wer den Schwur verweigere, darf irgendwie bleiben, aber nicht mehr wählen. Die Nationalflagge Israels mit dem, jüdischen Stern und die Hymne, in der die „jüdische Seele“ besungen wird, trifft auf die Opposition der arabischen Bürger Israels.

Das Buch ist nüchtern, aber umso klarer geschrieben, weil es nichts ausblendet. Es machen die Palästinenser 17 Prozent der Bevölkerung aus, aber nur 6 Prozent der Staatsbediensteten. Die Klassen in arabischen Grundschulen sind um ein Fünftel größer als in jüdischen. Die Zahl an den Universitäten studierender Juden ist dreimal so hoch wie die der Araber. Gorenberg: „Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Auswirkungen jahrelanger institutioneller und informeller Diskriminierung“.

Gorenberg beschreibt die quantitative und qualitative Zunahme der Ultraorthodoxen, und wie ihre Stellung vom Staat subventioniert wurde, obwohl sie gegen den Staat sind und ihm Steuern, Arbeit und Kriegsdienst verweigern. Wie fragil das Nebeneinanderleben ist, belegt der Autor an den Unruhen, die es in Akkon gegeben hat 2008f. Es wurde von der 2003 in Akkon neugegründeten Hesder Talmudschule eine sog. Verschwörung von Arabern ausgemacht, die Akkon infiltrieren wollten. Es gäbe einen nationalistischen Vorstoß junger arabischer Familien, man behauptet, dass es ein organisierter Vorstoß von arabischen Migranten sei, die nicht „hinnehmen können, dass wir hier sind, dass Akkon eine jüdische Stadt ist“.

In einem anderen sehr sachlich geschrieben Kapitel macht der Autor uns über den Zwiespalt und die Schizophrenie bekannt, die in einer Demokratie herrscht, die ihre Feinde auch noch ausdrücklich fördert und finanziell subventioniert. Die Zunahme und Stärke der Charedim liegt im Ausschluss jener Parteien von der Macht, die ihren Rückhalt in der arabischen Bevölkerung haben. Seit Ben-Gurion die Kommunisten ausschloß, gilt als feste Regel, dass Parteien mit arabischer Unterstützung im Kabinett und in Koalitionen von Regierungen nichts verloren haben. Dafür – um einen Einblick in die Urteilssicherheit und den Mut des Autors und eine sprachliche Kunst zu geben, er führt zwei Erklärungen dafür an, die höffliche, nach der man den Arabern eben nicht trauen kann bei Fortgang des israelisch-arabischen Konflikts. Die weniger höfliche: Ein großer Teil der jüdischen Mehrheit hält eine Regierung, die sich auf arabische Stimmen stütz, für nicht legitim.

Rabin, so betont Gorenberg, ging bisher am weitesten: Er wagte es zwar (noch?) nicht bis zu seinem Tod die arabischen Parteien mit ins Kabinett aufzunehmen, aber er einigte sich mit ihnen über eine Unterstützung im Parlament. Als die rechtsradikale Shas Partei die Koalition bei Rabin verließ, blieb er mit Unterstützung der arabischen Parteien an der Macht. Gorenberg: „Seit seiner Ermordung hat keiner mehr den Mut aufgebracht, seinem Beispiel zu folgen oder gar weiter zu gehen“.

Das Buch klärt die gesellschaftliche Position der Ultraorthodoxen und insbesondere der Charedim auf, die verwirrend ist,. 2004 gab es in Israel 470.000 Charedim, 7 Prozent der Bevölkerung, neun Prozent der jüdischen Bevölkerung. Ihr Anteil wächst, weil jede durchschnittliche charedische Frau etwa sieben Kinder gebärt.

Der Autor besteht darauf, dass diese eingeschränkte Erziehung und Nicht Arbeit die Charedim und die Ultraorthodoxen langsam verblödet. Die Thorastudenten konnten sich vom Militärdienst befreien. Das Vollzeitstudium der Tora erlaubt einem jungen Mann, vom Militärdienst dispensiert zu sein. Diese Rückstellung macht junge Männer zu Gefangenen des Talmudstudiums. Obwohl ultraorthodoxe Männer viele Jahre studierten, waren sie durch ihre Schulbildung in keiner Weise auf Jobs in einer modernen Wirtschaft vorbereitet. Sie hatten weder Mathematik, Naturwissenschaften, Englisch noch andere Studien auf dem Lehrplan. Englischunterricht kommt nicht in Frage. Ende des 19 Jahrhundert sprach ein berühmten Rabbiner einen Bann gegen das Erlernen von Fremdsprachen aus, um jüdische Kinder davon abzuhalten, auf die europäischen Schulen zu gehen. Der Autor zitiert einen Rabbi: In dem Moment, „wo der Junge Englisch lernt, ist er der weiten Welt stärker ausgesetzt, er verlässt die Religion und geht vielleicht eine Mischehe ein, wie in Amerika“.

Ich lese das Buch mit Traurigkeit. Das ist nicht mehr das Israel der 70 und 80er Jahre, das hat nichts mehr von dem Israel, das ich noch vor dem ersten Libanonkrieg erleben durfte. Damals erschein mir die Demokratie – auch wenn die Palästinenser nicht integriert waren, noch ausbaufähig. Es war in verschiedenen Technologie (Wassertechniken, Bewässerungstechniken) Bereichen ein Vorbild für die 53 Staaten Afrikas. Jetzt aber ist Israel im Griff von Fundamentalismen, die wie immer religiöse Fundamentalisten, auch zu Gewalt, Ausgrenzung und Diktatur neigen. Junge Fanatiker sehen die Gesellschaft als nicht genügend religiös an. Sie schufen eine neue Interpretation der jüdischen Praxis, eine enge Auslegung. Das ist die Gemeinsamkeit fundamentalistischer Bewegungen. Sie sind Schöpfungen der Gegenwart, die sich als Religion aus alter Zeit ausgeben.

Ich kann nur sagen, wie glaubwürdig der Titel ist, den der deutsche Verlag für das Buch gefunden hat. Israel ist auf dem Wege sich selbst abzuschaffen. Keine der großen und gewaltig-demokratischen Bewegungen in der eigenen Nachbarschaft hat Israel zum Nachdenken über seine Rolle in Nahost gebracht. Alles geht dahin, sich gegen alle revolutionären und demokratischen Bewegungen wasserdicht zu imprägnieren.

Gershom Gorenberg: Israel schafft sich ab. (The Unmaking of Israel) Campus Verlag Frankfurt 2012  316 Seiten