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Martin Schäuble: Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina. Hanser  München 2013  221 Seiten

 

Ein „verrückter“ Fußspatziergänger zwischen Israel und Palästina

 

Rupert Neudeck Januar 2013

 

Richtig erleben und erfahren wir ein fremdes anderes Land nur dadurch, dass wir es begehen. Am besten mit einem Rucksack und guten Schuhen. Der Autor Martin Schäuble ist nicht wie Harpe Kerkeling „dann mal weg gewesen“. Er ist einfach „zu Fuß durch Israel und Palästina“. Dabei erlebt er die Realität des wahrscheinlich durchkontrolliertesten Territoriums der Welt. Zu Fuß aus Hebron war ein Alptraum, schreibt der Autor. „Ich fragte Palästinenser nach einem Weg in den Süden, nannte Städte, zeigte auf meiner Landkarte die auf dem Weg liegenden Orte Kharasa, Dahariya und Yatta“. Immer bekam er zur Antwort, zu Fuß sei das nicht möglich.

 

Das Schönste steht im Vorspruch. Als sich Martin Schäuble dem gefürchteten geheimdienstlichen Routine Verhör am Flughafen Ben Gurion bei Rückkehr nach Deutschland stellt, fällt dem jungen Beamten der Immigration der Einreisevermerk vom Gazastreifen auf. „Was haben Sie in Gaza gemacht?“

„Ich war zu Fuss unterwegs in Israel und Palästina. Darüber schreibe ich ein Buch!“

„Zu Fuss in Gaza? Das macht keiner. Wieso schreiben Sie ein Buch darüber?“

„Weil es so selten ist?“

Große Konfusion am Flughafen Ben Gurion.

„Wo waren Sie auf der arabischen Seite?“

Das ist die magische Frage. Auf die sagt man besser: man sei nicht bei den Arabern gewesen.

Schäuble: Das sei eine lange Liste. Der Beamte: Dann soll er nur die Hauptorte nennen.

Der Autor malt auf die Rückseite eines Buches, das er gerade liest, eine Landkarte und nennt die Namen, israelische und arabische.

„Tel Aviv, Bethlehem, Hebron, Ramallah, Nablus….“

Der Grenzpolizist lächelte. Er wünschte ihm einen guten Flug. Stellte keine Frage mehr, stempelte den Pass. Der Reisende fragt sich: Folgt die große Befragung noch?  Erst als der Autor zum Abflugschalter geht, versteht er: „Es gab nur eine Erklärung. Er hielt mich für verrückt“.

Daraus ist ein vorzügliches Buch geworden, gut komponiert, mit Fußgänger-Erlebnissen aus allen Teilen eines kleinen Landes, das sich steigert bis kurz vor dem Schluß in einem Spaziergang mit dem Schriftsteller David Grossman und einem Gespräch mit der Politikerin Palästinas, Hanan Ashrawi. Grossman bekommt Grüße vom Übersetzer Mohammed in Ramallah: „Unvorstellbar, wie ein so feinfühliger Mensch unter der Besatzung leben muss“, sagt Grossman. Schäuble berichtet: „Er übersetzt gerade Walter Benjamin ins Arabische“. Auf dem Konferenztisch von Aschrawi eine Serie von Bilderrahmen mit getrockneten Wildblumen. Grossmann kannte die Namen und hatte sie ihm gesagt. „Wundervoll, nicht?“, hatte Grossman gefragt. „Das Allerschönste, nicht wahr?“, fragte Aschrawi.  

Im Wald hatte Grossman Schäuble gefragt, ob ihm schon aufgefallen  sei, „wie ähnlich ‚wir’ uns sind“. Da meinte er Israelis und Palästinenser.

Die Stärken und die Schwächen der beiden Völker kommen gut zum Ausdruck. Er wird an alle Themen und Fragen herangelassen, beiläufig erfährt er sie. Das Buch ist für ein deutsches Publikum besonders gelungen, weil es die harten Themen alle in Erlebnissen eines Langstreckengehers erfährt.

Er fragt einen Palästinenser nach dem Weg, zeigt ihm die Landkarte, aber die hat er wohl zum ersten Mal in seinem Leben gesehen. Südlich von Jerusalem suchte er nach Ramallah, das im Norden liegt. Er darf nie frei reisen, wieso hätte er da auch eine Karte lesen können müssen? Dieses bunte Papier mit Ortsnamen war wertlos für ihn.

Er begegnet schrägen und tollen Israelis und Palästinensern. So dem Palästinenser und Übersetzer Mohammed, der ihm sein handy zeigt, auf dessen Display taucht sein Lebensmotto auf: „Alle Menschen werden Brüder“ aus der „Ode an die Freude“. Er hatte Hegel und Kant gelesen und fand sie zu kompliziert.

Er besucht in Ramallah Arafats Grab. Zwei Wachleute stehen um das Grab. Mit einem kommt es zum kurzen Gespräch. Woher? Aus Deutschland?

Der Soldat daraufhin: „Ich liebe Hitler!“ Das hört man als Reisender immer wieder mal. Der eine Soldat liebte Hitler, der andere widersprach ihm: „Hitler war nicht gut!“

Er erlebt Drusen, Beduinen, palästinensische Israelis, jüdische Israelis, er erlebt eine Russin, die ihn in ihrem Hyundai mitnimmt und sagt: „Ich habe nur gehalten, weil du keine schwarze Hautfarbe hast. Kein Araber bist. Du bist weiss“

In Gaza steigt Schäuble aus einem gepanzerten Wagen aus und fühlt sich wieder sicher. „Ohne Fahrzeug, das mich als Ausländer markierte, das mir das Gefühl vermitteln sollte, in Gaza sicher zu sein, nur weil ich eine Rüstung trug. Ich glaube nicht an Rüstungen. Ich musste den Leuten, die hier leben, vertrauen. Das war die Idee der ganzen Reise. Meine Reiseversicherung.“

Martin Schäuble: Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina. Hanser  München 2013  221 Seiten