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Zwischen Mythos und Wahrheit – weiter Abgründe

Auch in der Aktualität - Zu einem neuen Buch von Shlomo Sand

Von Rupert Neudeck 12.02.13

 

Das dramatisch gute Buch endet nach 342 Seiten mit einer Frage: Ob die jüdischen Israelis, zu denen der Autor gehört, imstande sein werden, „um Ihrer Zukunft im Nahen Osten willen, ihre Herrschaft neu zu definieren und im Zuge dessen auch ihr Verhältnis zu dem Land, zu seiner Geschichte, vor allem zu jenen verändern, die aus ihm entwurzelt wurden?“

Diese Frage muss der Autor – der zu denen gehört, denen er diese Frage gern auf den Weg geben möchte  - offenlassen. Denn er ist nicht der gewählte Ministerpräsident des Landes. Er ist ‚nur’ Historiker, er kann als Historiker auf diese Frage keine Antwort geben. Er kann sich nur mit der Hoffnung begnügen, sein Buch möge „ein Beitrag zum Beginn einer Veränderung“ sein.

Das Buch und die Dramaturgie seiner historiographischen Beweisführung gehen weiter und sind nach meiner Überzeugung wirksamer als die von Ilyan Pappe, der das Land und seine Forschungsarbeit in Haifa beendet hatte, weil er sich verfolgt fühlte. Mittlerweile lehrt er in Oxford in Großbritannien.  Shlomo San bekennt am Ende seiner nicht minder dekuvrierenden Geschichtsschreibung: er lehre seit 27 Jahren an der Universität Tel Aviv und er lehre ausgesprochen gern dort. Er verdanke der Universität, dass er dieses Buch habe schreiben können. Es verstehe sich von selbst, so etwas ironisch der Autor, dass er nicht vorschlage, die Universität abzureißen und an ihrer Stelle ein Dorf und Zitrusplantagen wieder entstehen zu lassen. Er glaube auch nicht, dass das den Nachkommen der Palästinenser-Vertriebenen helfen wird, in Scharen in ihre Heimatorte zurückzukehren. Aber: Der Staat Israel habe die Pflicht, das Unglück anzuerkennen, das durch seine Errichtung an anderen verübt wurde und habe dafür im Zuge des ersehnten Friedensprozesses einen  Preis zu zahlen. Auch sollte seine Universität eine Erinnerungstafel für die heimatlos gewordenen Bewohner von Al-scheich Muwannis aufstellen, jenes friedlichen Dorfes, das verschwunden sei, als hätte es nie existiert. Und es wäre angebracht, in der Erinnerungsmeile von Ramat Gam mit ihren vier großen Museen, die die lange Geschichte des Landes Israel und die Gegenwart des ewigen jüdischen Volkes bewahren, ein Komplex errichtet würde, „der das Schicksal der (arabischen) Flüchtlinge des alten Verwaltungsdistrikts Jaffa dokumentierte“.

In fünf wuchtigen Teilen geht der Autor sine ira an seine Aufgabe, die Erfindung des Landes zu beschreiben, das ein Land ohne Volk sein sollte. Der erste Teil gilt der Erschaffung des Vaterlandes: „Vom biologischen Imperativ zum Eigentum der Nation“. Der zweite Teil bespricht das „Mytherritorium“. „Am Anfang verhieß Gott das Land“, die ganze widersprüchliche und bis heute nicht aufgehobene Dichotomie zwischen dem Festhalten am „Exil“ und der Sehnsucht nach dem Heiligen Land. Gleichsam eine wissenschaftliche Ausfaltung des populären Satzes von Uri Avnery: „Die Mehrheit der Juden glaubt nicht an Gott, aber dass er ihnen das Land gegeben hat!“...

Der dritte Teil widmet sich der Vorgeschichte der Balfour-Doktrin: „Von der Wallfahrt zum christlichen Zionismus“. Der vierte Teil beschreibt die Bewegung des Zionismus gegen das real existierende Judentum: „Die Eroberung des ‚ethnischen’ Raums“. Er schließt mit der Beschreibung des Dorfes Al-Scheich Muwannis, auf dem die Universität Tel Aviv gebaut wurde. „Über ein Dorf als Gleichnis und die Erinnerung als Lehre“.

Im dritten Teil wird dem deutschen Leser deutlich, wie weit schon die Heimstatt-Ideen vor Theodor Herzl zumal in der Welt der britischen Puritaner hochgekommen waren. Damals noch im 18. Jahrhundert waren sich Reformjudentum und Orthodoxie einig in ihrer Weigerung, Palästina als jüdischen Besitz zu betrachten, oder als nationale Heimat. In West- und Mitteleuropa durchliefen Juden den Prozeß der eigenen Nationalisierung. Ende des 19. Jahrhunderts proklamierte die Wochenzeitschrift „Der Israelit“: “Im Punkt der Liebe zu Kaiser und Reich, zu Staat und Vaterland sind alle Parteien im Judentum eines Sinnes: Orthodoxe wie Reformer, die Frömmsten wie die Aufgeklärtesten“.

Die Versprechungen der britischen Administration an die Juden Europas waren nicht etwa altruistisch, sondern eingebunden in die globale Kolonialisierung und in die Machtpläne des britischen Empires. Herzl traf sich zweimal mit dem Kolonialminister des Vereinigten Königreiches Joseph Chamberlain. Am 23. Oktober 1902 und am 24. April 1903. Bei der zweiten Unterredung wurde die koloniale Einbindung der Zionistenfrage besonders deutlich, denn Chamberlain wollte die Zionisten nach Uganda (das heutige Kenya) lenken, weil dieses Land dringend auf Siedler angewiesen war. Herzl übte auf den 6. Zionistenkongreß mächtig Druck auf, um den Uganda-Vorschlag annehmen zu lassen. Herzl nahm das für ein Präjudiz, denn die britische Krone wollte den Zionisten das Land ohne Entgeld schenken.

1905 wurde Großbritannien zu einem hermetisch abgeschlossenen Territorium. Man wollte auch keine Ostjuden aus dem Zarenreich mehr. Balfour war der Autor eines fremdenfeindlichen Gesetzes von 1905. Sand schreibt, es sei nicht übertrieben zu sagen, diese Gesetzesinitiative von 1905, eine ähnliche in den USA von 1924 (Johnson-Reed Act) habe nicht weniger zur Entstehung des Staates Israel beigetragen als die Balfour Erklärung von 1917. Vielleicht sogar mehr.

Die Zionisten der Zeit nach dem ersten Weltkrieg hatten schon große Räume, die sie erobern wollten. Der Traum von Chaim Weizmann war ein Land beiderseits des Jordan. Die Eingeborenen spielten keine Rolle. Die nichtweißen Bewohner des Planeten galten noch nicht als den Europäern gleichgestellt und hatten auch „kein Anrecht auf dieselben bürgerlichen oder nationalen Rechte“. Shlomo Sand formuliert eindrucksvoll: Die Zionisten hätten schon gewusst, dass im Lande viele Eingeborene leben würden. Aber Ihr Bewusstsein beschreibt er so: „Aus Sicht des weißen Mannes war die außereuropäische Welt im Grunde genommen ein – von Menschen – leerer Raum, so wie schon zweihundert Jahre zuvor Amerika verwaist und unbewohnt gewesen war, ehe der weiße Mann dort auftauchte“. Bis heute spielen die alternativen Palästina-Freunde in Israel keine wirkliche politische Rolle, man lässt sie im Sinne einer repressiven Toleranz gewähren, aber sie haben nichts zu sagen. Sand beginnt mit der kleinen Gruppe der Kulturzionisten Achad Ha’am unter Ascher Hirsch Ginsberg. Auch Jitzhak Epstein beschrieb mit Sorge die einzige Frage die offenbleibt: Die Frage „unseres Verhältnisses zu den Arabern“. Später waren es Martin Buber, Jeshajahu Leibowitz und viele andere, alle ohne wirklichen Einfluß. Das reiche Buch von Shlomo Sand gibt mehrere Verweise auf die merkwürdigen Symbiosen von unzusammenhängenden Gründen. Wie war es möglich, dass eine Bewegung (Zionismus), die im Grunde areligiös war, ihre Lehre vom Anrecht auf das Land auf religiöse Texte gründete, die in grauer Vorzeit verfasst worden waren? Sind es historische Rechte, begründet im Selbstbestimmungsrecht der Völker, oder eben religiöse Rechte, verheißen in der Bibel?

Die Linke in Israel war nie an universalen Rechten interessiert. Weshalb eben die palästinensischen Flüchtlinge, die 1947/48 vor der nackten Gewalt flohen, mit dem Ende der Kämpfe nicht in ihre Häuser zurückkehren durften. Israel hat sich strikt geweigert, die Flüchtlinge wieder aufzunehmen, obwohl die Mehrheit von ihnen nicht an den Kampfhandlungen beteiligt war. Parallel dazu wurde jedem, der beweisen kann, dass er Jude ist, ermöglicht nach Israel einzuwandern und die volle Staatsbürgerschaft zu erhalten und sogar das Recht, in sein Herkunftsland zurückzukehren. Wie ungeschminkt und trotzdem versöhnend der Autor das alles beschreibt, kann man kaum resümieren. In den Jahren, in denen unter den Nazis in Deutschland „Juden raus!“ gebrüllt wurde, erlebte das Mandatspalästina einen jüdischen Aufruf, jeden ökonomischen Kontakt mit der einheimischen arabischen Bevölkerung zu boykottieren: ‚Araber raus!’. Ein Buch, das genau diejenigen nicht lesen werden, die den  Trott der politischen Korrektheit nicht weitermachen könnten, wenn sie es lesen würden. Unsere Politiker. Wetten dass…?

Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit.

Propyläen Verlag Berlin 2012  396 Seiten